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Brexit Commentary
BREXIT COMMENTARY
06 Nov 2020 by Karl Hinterleitner

War da was? Europa und der fast vergessene Austritt

Es war wohl die schrägste Stellenannonce, die man je von einer Regierung gesehen hat: „Verrückte und Außenseiter" suche man als Berater, denn nur die könnten es schaffen den Brexit noch zu stemmen, am besten „Leute, die noch nie an einer Uni waren und ihren Weg aus einem miesen Höllenloch herausgekämpft haben.“ So stand es Anfang des Jahres in einer Annonce, die Boris Johnsons Chefberater, Dominic Cummings, im Namen von Downing Street tatsächlich aufgegeben hat - „Wild Cards and weirdos“, so der Originaltext seien nötig, um die anstehenden Herausforderungen zu bewältigen. 

Ein Satiriker hätte nicht gewagt, so etwas als Brexit-Witz ins Programm zu nehmen -zu weit hergeholt, zu unglaubwürdig, zu übertrieben. Doch der Brexit entzieht sich mittlerweile der Satire. Es gibt nichts mehr, was einem noch als abwegig vorkommt. Die Wirklichkeit übertrifft hier jedes Mal die wildesten Fantasien.

Beschlossen 2016, hätte der Brexit schon im April 2019, stattfinden sollen, dann wieder am 31. Oktober, dann war es Ende Januar dieses Jahrs endlich so weit. Passiert ist anschließend erst mal: Nichts. Alle Änderungen sollen erst im nächsten Jahr kommen. Wie die dann aussehen, weiß allerdings keiner, vielleicht werden auch doch noch mal 2 Jahre dazugegeben. Klar ist aber - wie sollte es anders ein - auch das nicht. 

Der neueste Coup: Boris Johnson bringt ein Binnenmarkgesetz ein, das gegen den von ihm selbst konzipierten und unterzeichneten Ausstiegsvertrag und gegen internationales Recht verstößt. Das alles könnte einfach nur grotesk sein. Leider ist es auch schädlich für ganz Europa. Der Scherbenhaufen auf beiden Seiten des Kanals hilft niemandem.

Auf der einen Seite droht ein Zerfall des Vereinigten Königreichs, und derselbe Premier, der ein Scheitern der Austrittsverhandlungen einst als „Versagen von Staatskunst“ bezeichnet hatte, tut jetzt nichts, um genau dieses Scheitern zu verhindern.

Auf der anderen Seite eine EU, der vor allem wichtig zu sein scheint, daß nicht sie die Schuld trägt - sondern London. Eine Frage hat man in Brüssel, Berlin oder Paris all die Jahre nämlich nie gehört: Wo haben wir Fehler begangen, hat die EU vielleicht auch etwas falsch gemacht, daß eines ihrer wichtigsten Länder gehen will?

Was ein bedeutender, im besten Fall beispielhafter Prozess hätte sein können, ist zu einer Mischung aus absurdem Theater und blame game verkommen, bei dem die Kontrahenten nur noch mit dem Finger aufeinander zeigen. Beide Seiten riskieren bei einer derartigen performance, vom Rest der Welt als Partner nicht mehr ernst genommen zu werden.

Dazu passt dann schon wieder, daß sich auf die eingangs erwähnte Stellenanzeige auch ein ganz besonderer Bewerber fand: Der britisch-israelische Illusionist Uri Geller. Er will den ausgeschriebenen Beraterjob in Downing Street. In Deutschland kannte man den Mann einmal aus Fernsehshows, in denen er angeblich nur durch seine Geisteskraft Messer und Löffel verbogen hat. Alles mit „positiven Gedankenwellen“. Er wolle für die Regierung arbeiten, meinte Geller, denn sein „Talent“ könnten Johnson und Barnier „gerade jetzt gut gebrauchen“.

Womöglich hat er ja sogar recht. Denn was passt schon besser zusammen als der Brexit - und eine kräftige Portion fauler Zauber.


*** 
Karl Hinterleitner, Redakteur,
ZDF



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